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D7beta

1871

1.
    

Ostersonntag d.
dender
9. April.


Abreise. Theo bringt mich zum Bahnhof. Coupé für Nicht-Raucher; – immer langweilig. Nie wieder. Keine Osterglocken. Sonne, Oede, Langeweile. Kritische Bedenken gegen den „Wandrer durch Mark Brandenburg.“ In Wittenberg Tausende von
französischen
franz.
Gefangenen, in langer bunter Linie an der Bahn aufgestellt, viel Cavallerie-Uniformen. Alles verschossen und doch malerisch. Auch viele Franzosen, Offiziere in Civil und Nicht-Civil auf unsrem Zuge. Immer bei Durst und Appetit. Mein Mitreisender, miles catarrhalis trocknete Taschentücher. Thüringer Bahn. Es wurde hübscher. Ueberall Guirlanden und Fahnen zu Ehren der heimkehrenden Fürsten oder Landwehren. In Dietendorf ein dem speciellen thüringischen Landesgeschmack adaptirtes Diner. Ich saß mit 10
französischen
franz.
Offizieren am selben Tisch. In unglaublicher Verblendung riefenschrieen sie laut und wiederholentlich: Kellnèr, Wein, Rothwein. Endlich setzte der Angerufene einen Rundbau von der Construktion einer Platt-Menage, oder eines Essig- und Oel-Ständers, eine Art Fortifikationsthurm der aber mit Rothwein in halben Flaschen geladen war, vor diese leichtsinnigen Söhne von Bordeaux und Burgund. Das erregte nationale Gefühle ging nicht so weit, daß sich nicht eine Theilnahme in mir geregt hätte. Die Söhne von Bordeaux und Burgund und – dieser Dietendorfer!

Vorbei an der Wartburg, an Hünfeld schlimmen Gedenkens, über die Thürme und Kuppeln von Fulda, an Bronzell, an der links noch im Schnee liegenden „hohen Rhön“ auf Gelnhausen und Hanau zu. Um 9 in Frankfurt. Um 9 34 weiter gen Straßburg. Auf dem Frankfurter Bahnhof noch eine unglaublich widrige Scene zwischen einem Leutnant und einem Kellner; um 6 12 früh in Straßburg.

Ostermontag 10. April.


Abgestiegen im Rebstock oder Rebenstock, altes, gutes Hôtel in der Rue des Tanneurs, nun bald wohl Gerberstraße. Noch bis 10 geschlafen oder doch zu schlafen versucht. An Emilie einige Zeilen geschrieben. Auf den Place de l’homme de fer, auf den Kleberplatz, (jetzt Paradeplatz) auf denGutenberg-Platz (Post) bis zum Münster. Er ist vielfach eigenthümlich, ein reicher, schöner, intressanter, lehrreicher Bau, dennoch finde ich ihn als einheitliches Kunstwerk unter manchem andern stehend. Das Innre und den Thurm hab ich mir für meine Rückkehr aufgespart. Die Gutenberg-Statue ist äußerst langweilig, die Reliefs sind unschön und lächerlich; sehr gelungen ist die Kleber-Statue, hat auch einen hübschen Bronce-Ton.

Die Stadt wimmelt von Militair. Den Hauptstock liefern die 47 er, die 25 er und mehrere Bataillone Würtemberger, die allerdings sehr gut aussehen; dazu sah ich Sachsen (105.) und Braunschweiger, so wie Gruppen von 10 andern Regimmentern. Von Artillerie scheint eine Abtheilung des 11. Regiments hier zu sein, vielleicht das ganze Regiment.

Gegessen im „Rebstock“. Völlig deutsche Gesellschaft, vorzugsweise (natürlich) Berliner; das Ganze erinnerte sehr an die 64 er Tage in Flensburg (Hôtel Rasch) und die 66 er Tage im blauen Stern oder braunen Roß zu Prag.

Nach dem Diner ins Café de la Lanterne in der Rue de la Lanterne; ganz wie alle guten Caffèhäuser am Rhein und in der Schweiz. An Lucae ein paar Geburtstagszeilen geschrieben.

Der Zug ging um 5 Uhr Nachmittags statt um 7 Uhr Abends, also sitzen geblieben und zwar unter erschwerenden Umständen, denn das Zimmer war inzwischen vergeben. Schließlich aber doch verbessert.
Alle Namen an den Schildern, viel mehr als bei uns, sind deutsch oder jüdisch, aber die Geschäftsangaben alle französisch; es bleibt erstaunlich, daß sie doch alle überhaupt noch deutsch sprechen und es wäre interessant nachzuweisen (Frage für Lazarus) wodurch sie doch 200 Jahre lang, namentlich aber während der letzten rapide vergehenden 50 Jahre, nebenher deutsch verblieben sind. War es doch die nächste Nachbarschaft Deutschlands, die beständigen Beziehungen zu ihm, war es die Zähigkeit des seiner alten Art getreu bleibenden, deutsch sprechenden Landvolks, oder war es die einfache Klugheits-Erwägung: es ist immer ein Vortheil 2 Sprachen sprechen zu können, vortheilhaft für das Reussiren im Leben und außerdem bequem, weil man der Majorität der andren gegenüber auf die leichteste Weise Geheimisse bewahren oder befördern konnte.

Auf den Straßen spricht so ziemlich alles in demonstrativer Weise französisch. Ein Rudel Kinder amüsirte mich. Sie trugen zinnerne Ehrenlegionsorden auf der Brust an einem dreifarbigen Bande hängend, dazu allerhand Waffen in der Hand, wie die Jungens bei uns, aber sie trugen am tricoloren Bande zierliche zinnerne Ehrenlegionsorden auf der Brust und sangen die Melodie (wie mirs schien mit untergelegtem spöttischen Text) des französischen Zapfenstreichs. Hatte schon die Demonstration als solche ein kleines Interesse, so interessirten mich doch vor allem auch diese Töne wieder. Seit Besançon hatte ich sie nicht wiedergehört, wo allabendlich 3 Trommler und drei Claironbläser unter ungeheurem Lärm die Citadelle umzogen.

Dinstag d.
dender
11.
April.


Um 7 Uhr Abfahrt nach Nancy, Toul, Commercy, Bar le Duc, Vitry, Chalons, Epernay. Ankunft in Epernay gegen 10 Uhr Abends. War zu müde um noch bis Reims zu gehn. Abgestiegen im Hôtel de l’Europe, Abendbrod gegessen und in der Stadt der besten Champagner Sorten eine Flasche Bier getrunken. So geht es immer. Die Fahrt als solche langweilig, den ganzen Tag über nichts gehört und gesehn, das der Rede werth wäre und nur im Coupé selbst Ersatz gefunden: mein Reisebegleiter den ganzen Tag über bis Vitry war der Professor der Aesthetik Vischer. Er besuchte seinen Sohn, der bei den würtemberg. Reitern in Vitry steht. Ein trefflicher alter Herr. So ’n alter deutscher Professor, wenn er von der guten Sorte ist (und die Carrikaturen treten mehr und mehr vom Schauplatz ab) ist doch immer eine erquickliche Erscheinung. Hertz hat Recht: es sind die eigentlich vornehmen Leute. Und es muß so sein, die Beschäftigung mit dem Geistigen und Schönen, wenn sie den Menschen nicht adelte, wäre nicht besser wie Papeterie-Arbeit. Ueber den 66 er Krieg hatte ich eine scharfe Differenz mit ihm, aber nur sachlich, in der Form blieben wir ganz ruhig. Er citirte allerhand gute Geschichten.
  • 1. Von Richard Wagner sagte er (nach Gottfried Keller) „der Kerl ist wie eine femme entretenue, mal hat ihn dieser oder diese, mal jener oder jene, aber immer wird er „ausgehalten“, immer muß der andre bezahlen, bis einer kommt der mehr bietet.
  • 2. Ueber das durch Bismarck geeinigte Deutschland sagte er (Citat aus sich selber) „Germania wurde vom deutschen Michel, einem hübschen Burschen, mit Liedern umfreit, und sie gab sich nicht, da kam endlich ein kecker Junker und nothzüchtigte sie.“ Er fand indeß seinen eignen Ausspruch etwas cynisch. Ich sagte ihm: hoffen wir daß es der Germania geht wie den Sabinerinnen, die schließlich auch froh waren über den Gewaltakt. – Wir sprachen auch über Kugler, Lübke, Schnaase und viele andre. – Interessant war eine Scene in Bar le Duc, wo ein schwerbesoffner Franzose in unser Coupé kam, in dem nur Vischer und ich saßen. Monsieur le Conducteur, je vous prie . . . . . cet homme là a-t-il un billet pour la deuxième classe? Der Condukteur kämpfte einen schweren Kampf, endlich wurde sein Landsmann an die Luft gesetzt. – Vischer erzählte viel über seine Reisen in Griechenland, Sicilien, Italien überhaupt, dabei trieb er mit Vorliebe vergleichende Sprachwissenschaft. Enfin ein tüchtiger, kluger, charaktervoller, intressanter Mann, aber ganz Schwabe, in der emannischen Welt mit Vorliebe zu Hause und demnächst in der klassischen Welt. Preußen muthet solche Naturen nicht an und kann auch nicht. Uebrigens verachtete er jeden Particularismus, am meisten
  • Sorte.
„Genie crepitus“

Mittwoch d.
dendender
12. April

In einer kleinen Stube mit einem schnarchenden Franzosen fest und gut geschlafen, wahrscheinlich schnarchend wie er. Er kam erst, als ich schon schlief; wir begrüßten uns; um 5 Uhr früh verschwand er schon wieder. Man bringt es am Ende noch bis zum Eberhardt im Bart und kann in jedes Franzosen Schooß ruhig schlafen.

Um 10 14 Spatziergang durch die Stadt. Nichts Bedeutendes, nichts Malerisches, eine Mischung von Wrietzen und Kissingen. Das Beste dran sind viele, zum Theil unregelmäßig geformte Plätze, durch curvenförmige Straßen unter einander verbunden. Die Kirche ein Spät-Renaissance-Bau ist restaurirt, so daß jetzt eine neue nüchterne Renaissance sich an den Rest alter malerischer Renaissance anlehnt. Das Ganze unschön unbedeutend. Das Palais de Justice ist ganz neu, in dem üblichen, nur noch verlangweilten Pavillon-Styl so vieler Pariser Neubauten aufgeführt. Unbedeutend. Der davor gelegene große Platz zeigte die Kastanien und Linden im ersten Hellgrün, was meinem Auge ordentlich wohl that. Hügel fassen von der einen Kreishälfte her, wahrscheinlich von Westen und Nordwesten her, die Stadt ein. Diese Hügel sind wohl die Weinberge. Die Stadt hat nirgends einen Abschluß, sondern die Straßen verlaufen sich dorfartig ins Freie. Von Weinfabrikation, oder Weingroßhandel sieht man nichts. Das Geschäft entzieht sich dem Auge, wie sich das Londoner Großgeschäft so oft dem Auge entzieht. Dann und wann sieht man größere und elegantere Häuser, weiß mit rother Ziegel-Einfassung an den Ecken und Fenstern, dazu mit hellen Jalousieen von oben bis unten. Diese Häuser liegen meist zurückgelegen, mit Vorhof oder Vorgarten und sind durch ein Eisengitter von der Straße abgeschnitten, aber auch diese Häuser verrathen mehr Wohlhabenheit wie Schönheit. Alles in der ganzen Stadt ist ungewöhnlich flach und langweilig; nur dann und wann sieht man eine aparte Kleinigkeit, so beispielsweise einen Fleischer-Scharren, durch ein großes grünes Eisengitter von der Straße getrennt und das Gitter oben mit einem vergoldeten Ochsenkopf und zwei flankirenden Widderköpfen geschmückt.
Fabrique et Magazin de Bouchons, Xatart Frères. Ein großes schönes Haus. Dies sagt sehr viel. Wo solche Pfropfen fabrik vorkommt, da muß viel gekorkt werden.
Vischer. Es ist eine Nation von einer „natürlichen Edukation“. Dann sagte er wieder: man übersieht (beispielsweise in der Schweiz) daß die Franzosen auch in den Xatart vorn mit einem X. vielgerühmten „Geschmacksachen“ oft gegen die Deutschen zurückstehen; so beispielsweise in Sachen der Militair-Uniformirung. Sie stecken noch ganz in der Carrikatur, in der Abgeschmacktheit, im Kindisch-Rohen.“ Man kann dies zugeben, in Schwaben besonders, wo aber in der Uniform eines 20 ers oder 24ers die „geschmackliche Ueberlegenheit“ steckt, kann ich nicht finden


Erstaunlich ist die Sicherheit der jungen deutschen Militairs von 18 Jahren; tragen sie nun gar ein eisernes Kreuz, so ist sie étonant. Man vergleiche damit wie ein alter Superintendent der bei der 50 jährigen Dienstfeier einen rothen Adler kriegt, dies seinen Orden trägt; er trägt es so dürftig ergeben als wär es sein „Kreuz.“ Diese furchtbare Sicherheit hat etwas Aengstliches, leise Bedrückliches und sie wäre unerträglich, wenn nicht von Familie wegen eigentlich das ganze Volk daran theilnehme. Jeder Vater hat einen Sohn dabei, und wenn ihm die Sache anfängt etwas bedrücklich zu werden, so denkt er an seinen eignen 18 jährigen und tröstet sich damit, daß er auf einem „Umwege“ an diesen eigenthümlichen Triumphen theilnimmt.

Die Würtemberger machen sich in jeder Beziehung vorzüglich. Wenn man an Tauberbischofsheim denkt, so wird einem der Triumph der 55 er nahezu zu einem Räthsel. Aber es verlohnt sich nicht mehr sich drüber den Kopf zu zerbrechen, längst sind mir unsre Erfolge räthselvoll; ich weiß nicht wo es steckt; im Einzelnen finde ich nahezu alle andern uns überlegen, Deutsche wie Fremde, und doch haben wir sie alle besiegt. Es verlohnt sich dem nachzuforschen; aber zu finden wird es wohl nicht sein, denn ich suche nun schon so lange danach.

Ankunft in Reims etwa 2 12 Uhr. Abgestiegen im Lion d’Or, der aber kein Zimmer mehr hat und mir nur im Eßsaal ein Lager in Aussicht stellt; natürlich alles dankbar angenommen; nur nicht lange besinnen. Das Hôtel liegt so zu sagen am Fuße der Cathedrale.

Also gleich in diesen berühmten Bau hinein.
Ich mache einige vorläufige Notizen.

Wie alle alten berühmten Kirchen, mit ganz wenig Ausnahmen, nicht fertig, wenigstens die Thürme nicht; die Spitzen fehlen, der eine hat eine Art kleiner schräger Kappe auf.

Auffallend an den Thürmen, sind die Stäbe, die einmal unter einander mit viel Zwischenraum und dann auch wieder mit viel Zwischenraum vom Kernstück, dies Kernstück umstehn. Es wirkt mehr eigenthümlich als gerade besonders schön. Unendlich reich ist die Facade, also das Hauptportal und die das Hauptportal flankirenden beiden Portale. Zahllose Figuren fassen hier den Tiefbau der Portale ein. Sich auf Details einlassen, hieße ein Buch schreiben.

Die Kirche ist dreischiffig, mächtige Pfeilerbündel tragen resp. bilden das Hauptschiff. Die Kapitälle dieser Pfeiler bündel, also die Stellen auf denen dann der Spitzbogen ruht, sind Laubwerk, Eichen, Acanthus etc. alle verschieden, aber alle von derselben grau- goldgelben Farbe.

Das Hauptlicht geben die Seitenschiffe, deren gothische Fenster fast ganz aus weißem Glase bestehn; das gedämpfte Ober- Licht fällt durch die sehr dunkel gehaltenen Glasmalereien-Fenster des Mittelschiffs, die sehr hoch angebracht sind, indem sie nicht mit dem Aufhören der Spitzbogen-Arkade beginnen, nicht so zu sagen auf diesen stehn, sondern indem sich zwischen Spitzbogen-Arkade und Buntglasfenstern noch eine Säulengallerie mit blauem Hintergrunde einschiebt. Also etwa so:
Gebäudeaufriss; Cathedrale Notre-Dame-de-Reims, Rheimser CathedraleCathedraleNotre-Dame-de-ReimsRheimserCathedraleReims, RheimsCathedrale Notre-Dame-de-Reims.

Die Decke das gothische Gewölbe ist himmelblau mit goldnen Lilien, die Gurte sind dunkelgraugoldgelb mit rothfarbnen Klinsen. Man kann nicht sagen daß dies alles sehr schön wirkte; der Stein aus dem die Kirche gebaut wurde ist grauweiß, dazu nun dies viele blau und graugoldgelb (vielleicht absichtlich so abgetönt) aber ich könnte nicht sagen, daß es farblich sehr schön wirkte.

Das Hauptportal stand immer offen und in die in grauem Dämmer daliegenden Schiffe fiel nun bis zu erheblicher Weite in die Mitte hinein das helle sonnige Tageslicht.
Ueberall liegen Strohmatten und wohl wenigstens 5000 Rohrstühle, nach ohngefährer Schätzung, stehen aufgeschichtet umher, um bei großen Festlichkeiten zu dienen.

Viele Kapellen umstehen den Chorumgang, alles reich geschmückt, namentlich auch mit vielen Statuen und Bildern. In die Details zu gehen ist nicht möglich. Am schönsten wirkt wenn man sich in das sonnige Portal stellt, der Chorumbau und namentlich die in dem Kapellenkranz so gelegene Kapelle, daß sie gerade dem Portal gegenüberliegt. Es ist dies nicht, wie bei andren Kirchen der eigentliche hohe Chor, dieser ist durchbrochen, schließt die Kirche nicht wahrhaft ab, sondern hinter dem hohen Chor, wirken durch diesen durchbrochenen hohen Chor hindurch die dahinter gelegenen Kapellen. Am meeisten die mittelste, auf deren Ausschmückung man wohl eine besondre Liebe verwandte.
Nein, es ist so: der richtige hohe Chor mit schön grauer Wandfläche schließt nach hinten zu ab und das hohe buntfarbige Oberfenster in dieser grauen Wandfläche giebt einen schönen Ton und wirkt vorzüglich. Dieser Effekt wird aber nun dadurch noch gesteigert, daß die graue Wandfläche des hohen Chors unten durchbrochen ist und durch den Mittelspitzbogen dieser durchbrochenen Arbeit dieser sieht man nun in die dahinter gelegene Mittelkapelle, die selbst wieder ein schönes buntes Glasfenster hat. Es wirken also außer der grauen schönen Wand, die beiden Fenster, von denen das obere der grauen Wand selbst angehört, das untre dagegen der dahinter gelegenen Kapelle angehört. Da man die dadurch entstehende, im Perspektivischen liegende Differenz gleich empfindet, ohne doch zunächst zu wissen worin sie liegt, wird dadurch ein zauberhafter Licht- und Farben-Effekt hervorgerufen.

Louis XV Monument auf dem Place royale, er steht als Imperator da, der „Handel“ so scheint es, kraut dem Löwen die Stirnlocke zum Zeichen daß sie gut Freund sind; eine andre Figur konnte ich nicht enträthseln. Die Inschrift lautet:
De l’amour des Français
eternel monument
Instruisez a jamais la terre
Que Louis dans nos murs
jura d’être leur père,
Et fut fidèle a son serment.
A Louis XV
Le meilleur des Rois
Qui par la douceur de Son
gouvernement Fait le bonheur des Peuples 1765

Dies geschah also 1765; retablirt und das jetzige wieder aufgeführt geschah 1818. Die Inschrift braucht die Wörter erigé 1765, retabli 1818. Wahrschein lich hatte man es 1789 oder so about zerstört. Unter den ursprünglichen Erekteuren befindet sich auch ein
Monsieur
M.
Cliquot, Prevôt
und ein
Monsieur
M.
Cliquot Blervache, Procureur du Roi Syndic.


Auf dem Place Godinot befindet sich ein rococohafter Bronce-Brunnen mit verschiednen abgewaschenen Inschriften. Nur die Front-Inschrift ist geblieben:
A
Jean Godinot
Né à Reims 1661 (die 1undeutlich) Mort en 1749

La ville
Reconnaissante.
Auf der bronzenen Röhre oder Säule oben sitzt eine Pomona mit Weintrauben in ihrem geflochtenen Haar; sie hält eine Tafel mit dem Basrelief Bilde Godinots in Händen; hinter ihr oder mehr ihr zur Seite steht eine Art Götterbote, eine untergeordnetere Sorte von Merkur (denn er hat große Flügel;ist also vielleicht blos ein Genius) der die Tafel mit dem Bilde hält.
Wie ich hinter Vischern kam.

Neben mir saß ein kleiner Herr, stark mittelalterlich, blond und grau melirt, stark enrhumirt. Er machte eine gleichgültige Bemerkung, aber in jenem freundlichen Tone dem man das auf Reisen so wichtige Zugeständniß abhört: „ich spreche.“ Die Bekanntschaft machte sich in Etappen. Ich hielt ihn anfänglich für einen gebildeten Landmann. Er sagte: „Die Straßburgerinnen trauern; das ist doch Narrethei“. Nach einer Stunde wußte ich, daß er ein Schwabe sei, u. daß er nach Vitry reise, um seinen Sohn zu besuchen, der in einem Reiterregiment diene. Dies bestimmte mich ihn für einen bürgerlichen Gutsbesitzer zu halten, der sich aber mit geistigen Dingen beschäftigt habe, wie man solchen Personen, nicht grade bei uns, aber in andren Theilen Deutschlands, namentlich in der Schweiz vielfach begegnet. In dieser Vorstellung blieb ich lange, namentlich auch als er mir erzählte, daß er am 2. Dezember mit dem Grafen Taube in Stuttgart bei einem Abendmahl zusammengewesen sei, daß man angestoßen habe im Glück darüber, daß ihre Kinder wohl durchgekommen seien und daß am 2. Dezember die Nachricht dagewesen sei: die beiden jungen Grafen, die einzigen Kinder ihres Vaters, sind gefallen, fast in derselben Minute tödtlich bei Champigny getroffen. „Der meinige blieb mir erhalten“. In Dänemark, Schleswig-Holstein, England, Schottland, war ich eben solchen Gutsbesitzern begegnet. Sie kommen auch bei uns vor, aber selten; wenn sie vorkommen sind es fast immer Bürgerliche. Wir fuhren wieder eine Station. Wir hatten vom Straßburger Dom gesprochen; er hatte das Gespräch auf den Ulmer hinübergelenkt, den ich auch gut kannte. „Sie würden ihn kaum wiedererkennen, seit er die Strebepfeiler hat.“ Ich stutzte, und beschloß weiter zu fühlen. „In der Sakristei sagt ich, ist ein Bild von einem alten Patricier, das sich mir eingeprägt hat; ich seh es vor mir, trotzdem es 15 Jahre ist, daß ich es sah. Ich habe den Namen des Meisters vergessen.“ „Das ist ein Bild von  . . . ; wohl eins der besten aus der Ulmer Schule. Das Colorit ist so schön, daß es an Gian Bellin erinnert.“ Gian Bellin, sagt’ ich mir im Stillen, das ist kein Gutsbesitzer, oder allerfeinste Sorte. Nun ruhte das Gespräch ein wenig, dann sagte er bei einer bestimmten Veranlassung, die ich nicht mehr gegenwärtig habe: „das darf Sie nicht wundern. Diese Umbiegung des e in oi ist ächt-französisch.“ Ehrlich gesagt, ich verstand ihn nicht recht und sagte nur: zum Beispiel? „Nun aus credo wurde je crois, aus debeo je dois, aus lex loi etc Nun war das Eis gebrochen; es war nun so viel von wissen und vielseitigem Wissen bereits zu Tage gekommen, daß Zurückhaltung Affektation gewesen wäre und in Zusammenhängen, die mir nicht gegenwärtig und die auch gleichgültig sind, fuhr er nun fort von Venedig und Oberitalien, von Rom, Sicilien und Griechenland zu erzählen. „Was heißt gefahrvoll reisen; es sind nun 35 Jahre als ich durch die Termopylen ritt und zwar den Weg hinunter, wo Ephialtes die Perser hinaufgeführt hatte; alles stand in blühendem Oleander, es war entzückend, aber die Gegend war so verrufen durch Räuber, daß als ich endlich den Paß passirt hatte und am nächsten Dorf erzählte: „ich komm dort her“ eben dieser Bauer vor mir floh, weil er nun sicher annahm, ich müsse selber ein Räuber sein.” Ich fragte bei einem Kunstgespräch (dies nun erst geben) ober Lübke kenne? „Ei, freilich; wir waren ja Jahrelang Collegen in Zürich.“ Darf ich um Ihren Namen bitten. „Mein Name ist Vischer.“ Ach, der V-Vischer rief ich überrascht. Er lächelte. Ja, der bin ich. Ich sagte ihm nun, wie er ein Gegenstand unser aller Verehrung sei, was er freundlich aufnahm. Wir plauderten bis Vitry. Nicht in allem waren wir einig; ein Preuße und ein Schwabe, da giebt es immer Differenzen und das Jahr 66 bot viele. Aber ohne Gereiztheit wurde die Debatte geführt und wir schieden in Herzlichkeit, Hier die Äußerungen über Bismarck siehe weiternach vor.dem ich noch den Sohn in hellblau (?) wenigstens aus der Perspektive gesehn hatte. Nichts geht doch über solchen alten deutschen Professor; wie unscheinbar und dabei wie viel dahinter, wie tapfer, wie unerschrocken, wie in gutem Sinne selbstbewußt. Nun die Geschichte mit dem Betrunknen, dann sein politischer Standpunkt.


Als ich, gleich nach meiner Ankunft in Reims, aus dem Hotel du Lion d’or trat, kam über den Platz ein Leichenzug: eine Art Dom-Schweizer, eine Mischung von Portier und Dom-Schweizer, eine Art civiler Tambourmajor, dem Zuge vorauf, dann der Geistliche, neben ihm 2 andre in weißen Chorhemden, von denen der eine in unerhört tiefem Baß, über den Platz hin, die Litaneien sang. Dann kam der überdeckte Sarg von vier Trägern auf einer Art Trage getragen, dann wenige Leidtragende, Männer und Frauen. Es war nur eine „kleine Leiche“. Sie schritten durch das offne Portal, das Mittelschiff hinunter, stellten den Sarg an das Chorgitter, wo vier große Lichter brannten und die Ceremonien hatten ihren Fortgang. Es ging alles sehr rasch; es war nur eine „kleine Leiche“. Dann stellte sich der „Schweitzer“ wieder in Front, die Träger griffen zu und der Zug verschwand durch ein Seitenportal. Es war alles wie ein Bild, wie eine Art Scene, die für mich in Scene gesetzt wurde. Einige Soldaten: Schwaben, Sachsen, Baiern, setzten ihren Umgang in den Seitenschiffen fort und die Beterinnen an den Altären der Chorkapellen ließen sich nicht stören in ihrer Andacht.


Um 5 Uhr erhalt’ ich doch noch ein Zimmer. Um 6 12 zum Diner. Ganz gut. Eine französische, eine englische, eine deutsche Gruppe; – die Würtenberger essen apart. Mir gegenüber saß ein Hauptmann vom Regiment Elisabeth.

Nach dem Diner noch mal in die Stadt. Eine Beschreibung der Cathedrale und der Stadt gekauft; dann in ein großes Café, um daselbst Thee zu trinken. Eben daselbst hab ich diese letzte Hälfte von Reims geschrieben; die erste Hälfte auf einem kleinen Strohstuhl im Dom selber.

Dies Café ist ein niedriger, aber ungeheuer tiefer Roccoco-Saal. Alles Gold und Spiegel; die Formen der zahllosen Lustres und Wandcandelaber alle ohngefähr so wie der Kronleuchter im Opernhause; die Decke aus vielgestaltigen, Café Courtois, Rue de Talleyrand. drei- vier, fünf und sechseckigen Feldern bestehend, in deren Holzeinfassungen aber nicht blos Stuck oder dergleichen sitzt, sondern bemaltes Glasgetäfel, was sich sehr gut ausnimmt und den bunten Reichthum des Ganzen sehr steigert. Für ein Café-Haus lange frisch. Im Saale selber lange Reihen von Stühlen, Divans und Marmortischen.


Auf der Fahrt von Epernay nach Reims passirt man bald hinter erstrem den Forêt de Reims, eine Waldparthie, die früher wahrscheinlich viel größer war. Was jetzt da ist, ist nur noch ein Rest; aber auch dieser Rest ist hübsch. Die Bahn durchschneidet ihn und man hat nichts Besondres; an einigen Stellen aber senkt sich das Terrain und die Bahn läuft auf einem hochaufgeschütteten Damme durch die Terrainmulde hindurch, rechts und links der Wald, auf dessen Wipfel man nun herabsieht. Dieser Anblick ist wahrscheinlich immer schön, in diesen ersten Frühlingstagen aber war er vor allem frappant. Die untenstehenden Eichen waren noch völlig kahl, aber das kleine Unterholz der Weiden-, Hasel- und Birkenbüsche grünte schon und so sah es denn aus wie auf Moos gesetzte graue, ins Riesenhafte übertragene Corallen.

Introduktion.


Die Ostertage 1871 führten mich wieder gen Frankreich. Der Zweck meiner Herbstreise, wie sich die Leser dieser Seite, freundlich erinnern werden, war nicht erreicht worden; die Franctireurs von Domremy hatten es anders beschlossen als ich selbst und statt Sedan und das von siegreichen deutschen Heeren eingeschlossene Paris zu sehen, wurde ich selber eingeschlossen und angehalten eine unfreiwillige Reise durch das unokkupirte Frankreich zu machen.. Der Gebrannte scheut das Feuer; da es aber nicht Marotte gewesen war, was mich damals in Feindesland geführt hatte, da ich einen vernünftigen Zweck hatte der trotz alledem und alledem fortbestand, so blieb mir keine Wahl; – ich mußt’ es eben wagen. Am 9. April brach ich auf.

Es war Ostersonntag. Ich hatte es mir so schön gedacht überall am Wege sie die Glocken und die geputzten Leute am Perron gehen zu hören, aber wie das Rasseln eines Eisenbahnzugs selbst das Rollen des Donners übertönt, so auch das Glockenläuten und selbst die geputzten Leute auf dem Perron verschwanden in den hundertfältigen Uniformen.

In Wittenberg, an der Bahn hin, standen in langer Linie unserem tausend französische Gefangner, noch jetzt in ihren verblaßten und verschlissenen Uniformen nicht ohne Reiz etc.

Reims lag voll Würtenberger. Auch das Divisions Hauptquartier hier. Reizende Kerle. Würtenberg. Jäger, kenntlich an den grünen Besätzen, kamen compagnieweise vom Exerciren zurück; schöne Leute, breitschultrig, gesund, leichten und doch sichren Schritts, dabei sangen sie deutsche Marschlieder. Es machte sich reizend. Sie sind die Sanspareils. Unsre können daneben nicht bestehn. Ich hab es schon so oft gesagt, sag es immer wieder; und es bleibt mir räthselvoll, daß es andre nicht finden und in solchem
preußischen
preuß.
Musketir ein relatives Ideal sehn.

Die Truppen lagen so:


In Epernay, das architektonisch ganz reizlos ist, befindet sich übrigens, vom Bahnhof aus am besten sichtbar, am Rande der Stadt ein sehr hübsches, Herrenhaus-artiges Gebäude, feiner roth und weißer Ziegelbau mit Pavillon-Dach.

Im Hôtel, das ganz gut war, aber noch den alten Aubergen-Charakter hatte, war die Hauptsache der Hof; im Vorderhause Salle à manger, im Hinterhause Frühstückszimmer, dazwischen in einem Seitenflügel die Küche, aus der heraus nun der Wrasen in beide Eßräume zog.

Donnerstag den 13. April.

Abfahrt um 11 Uhr aus Rheims.

In Betreff der Cathedrale noch folgendes.

Bei gewöhnlicher nüchterner Beleuchtung wirkt das Weitabstehende der Thurmstäbe nicht angenehm, es hat etwas Hohles, Oedes, es ist als fehlte etwas, in der That sind es glaslose gothische Fensterhöhlen. Dieser ungünstige Effekt ist aber nicht immer da. Bei untergehender Sonne erschien der sonst störende Zwischenraum wie mit einer Lichtmasse gefüllt durch welche nun die Stäbe dunkle Streifen zogen. Aehnlich schön präsentirte es sich bei Sternenhimmel. An dieser Rheimser Cathedrale sah ich auch zum ersten Male die Fortsetzung des reichen Portal- und Facadenschmucks bis in die Flanken hinein, so daß es aussah, um durch einen der Trivialwelt entnommenen Vergleich die Sache klar zu machen, als habe man einen figurenreichen Bilderstreifen an die Front eines Kastens zu kleben gehabt, habe aber, weil der Streifen länger war als nöthig, ihn zu beiden Seiten um die Ecken des Kastens herumgeklappt, so daß nun ein Theil dieses Bilder- und Figurenreichthums „um die Ecke“ steht. Auch hiergegen hatte ich Bedenken, als aber plötzlich ein helles Nachmittagslicht gerade auf diese Ecke fiel und Front und Flanke gleichzeitig traf, war der Effekt ein wunderbar schöner.

Als ich die Cathedrale umging, begegnete mir ein Trainsoldat, der als letzter Ausläufer zum Telegraphen-Dienst gehörte. Ich richtete einige Frage an ihn, fragte nach der Post und merkte aus seiner Antwort, daß er ein Schlesier sei. Wir schritten neben einander her und die Unterhaltung nahm folgenden Anfang:
Er.
Sie sprechen ja ganz

gut deutsch.

Ich.
Na, es geht.

Er.
Se sinn wol en

Luxemburger.

Ich.
So drum rum.
Ich sah bald in Abgründe und gab es auf mich ihm specieller vorzustellen.

Also Donnerstag um 11 Uhr aus Rheims; etwa um 1 in Soissons, das mit seiner schönen Kirche, deren einer Thurm wie der größere und stärkere von 2 Brüdern aussieht, seitab in der Niederung lag. Auch etwas zerschossenes Mauerwerk der altmodischen Befestigung (wie Toul) war sichtbar.
Ich traf in Soissons, in dem, glaub ich, eigentlich Sachsen liegen (vom 103. Regiment oder so ähnlich) eine ganze Anzahl Leute von der 3. Garde Brigade: Alexander und Elisabeth; ich plauderte mit ihnen und mit dreien, denen sich ein langweiliger 96 er Unteroffizier zugesellte, fuhr ich nun weiter, über Crespy, auf Senlis und Chantilly zu. Die Leute, alle drei gebildet (zwei davon Freiwillige, der Elisabethaner ganz wie Eltester in seinen jungen Jahren) erzählten ganz angenehm, namentlich von den 2 maligen Kämpfen um
Gebäudeaufriss; Kirche Saint-Thomas-de-CanterburyKircheSaint-Thomas-de-CanterburyCrépy-en-Valois, CrespyTurm der Kirche Saint-Thomas-de-Canterbury Crépy.

Crepy, sehr stark an Soissons erinnernd; der eine Thurm ist zerstört; Soissons hat beide, aber der eine ist etwas größer und stärker, ein FaIl der wohl nicht sehr häufig ist. Le Bourget; so erreichten wir Crespy. Hier stiegen die Gardisten aus; ich hätte es auch gemußt; wußt’ es aber nicht, gerieth dadurch auf eine sehr unbeabsichtigte Linie und fuhr auf Paris zu. Die Stationsplätze wurden so still, keine Preußen zu sehn, bei der dritten Station fragte ich mein vis-à-vis:

Est il encore loin jusqu’ à

Senlis
.
Senlis? Je ne comprends pas;
Senlis, ce n’est pas sur
cette ligne.
Quelle ligne est celle-ci.

C’est la ligne de Paris.

De Paris?

Oui.
Et la station prochaine?

C’est Belleville.
Bei der nächsten Station, der dritten, Plessis-Belleville (die beiden andren hießenOrmoy und Nanteuil) sprang ich aus dem Waggon, fatale Conversation; nach etwa 2 12 Stunden kam ein Zug aus Paris der mich nach Crespy zurückführte.

Es dunkelte als ich daselbst eintraf. Abgestiegen im Café de Paris. Wohnung überm Pferdestall, Fliesen, Hof, Holzgallerie. 1.
und
u
2. Compagnie Alexander
; Offizierstafel; der Pariser Foulard-Händler.

Freitag d.
dender
14. April
.


Frühstück in Crespy. Abfahrt etwa 11 Uhr in einem train de marchandises. Erklettrung eines „Salon-Wagens.“ Zugegen: 2 Intendantur-Beamte, 1 Stabsarzt, 1 Unterstabsarzt, drei Lazarethgehülfen. Auf Senlis zu. Ich stand und sah hinaus. In Senlis:
Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen

vorstelle.

(Karte. Er sieht sie an, knifft sie zusammen und steckt sie ein)
Wie weit wollen Sie.

Bis Mouy.

Ah.
Dann nahm er ein Papier aus der Tasche, wickelte eine Buttersemmel aus und begann zu essen. Das nennt man Politesse.
12 12 Ankunft in Chantilly. Um 1 Abfahrt nach Creil. Um 2 12 Abfahrt nach Mouy. Um 3 in Mouy. Der erste den ich sehe war George. Exercirplatz. Hingesetzt. „Lohmeier, Sie stehen wieder vor oder zurück“. Immer Lohmeyer. Dann auf den Bauch gelegt. Dann v. Werders Curven. Endlich Rückzug. „Der Rest ist Schweigen.“

Um 6 aus dem Grand Café in das Hôtel wo die Offiziere aßen. Major Schramm. Ich bin Gast. Schon vorher Herrn v. Rohr getroffen. Bis 11 zusammen.

Sonnabend d.
dendender
15. April

Kafé. Nach Liancourt zum General v. Zychlinski. Ins Larochefoucauld-Schloß. Um 11 zum Frühstück. Um 2 zu Wagen zum Grafen Coëtlogon in seiner Schweizer-Villa. Dann reizende Spatzierfahrt. Dann zurück. Dann Besuch beim Bäcker Fléchel. Die Parallele zwischen Coëtlogon und Fléchel. Um 5 12 Rückfahrt von Liancourt nach Mouy. Um 6 12 zu Tisch. Zahlreiche Gesellschaft, Maibowle. Geplaudert bis 11 Uhr.
Lageplan; Schloss Mouchy (1961 abgerissen)SchlossMouchy(1961abgerissen)Mouchy-le-ChâtelSchloss Mouchy. 4 RoccocoUhren um stehn den Thurm (spire) Hochdach Donjon mit Epheu und Banner auf dem ThurmHauptthurm Thurm Flachdach Hochdach roth roth gelb
Schloß von Mouchy. Besuch daselbst am Sonntag.
Wappen; Kronen. Adler a b
  • a. Springpferd
  • b. Narrengesicht, nach jeder Seite ein Bein.
Zu Liancourt noch folgendes:
  • 1. Statue des Larochefoucauld (siehe die Inschrift hinten)
  • 2. Der Gegensatz von Coëtlogon und Fléchel.
  • 3. Im Schweizerhaus des Coëtlogon. Erst Vorstellung; der Graf Maler, der Bruder Sculptor (die Najade, nach der Uhr), die Schwester. mit den Blumen und der Frage an G. „ob es seine erste Campagne sei. Das Dilettirende der beiden Brüder. Ganz legitimistisch. Eine kleine reizende Fahne des Grafen Chambord, ich glaube aus dem Jahre 1824 (? nachsehn). Die Erinnerung an das SoaneMuseum. Alles aufs kleinste und complicirteste eingerichtet. Mehrere Bilder (Stiche) des Grafen Chambord, von ihm selbst geschenkt und dedicirt. Einige alte Bourbonenköpfe. Er selbst hatte unter den Carlisten als Lancier-offizir gedient. Er trug von einem weißen, weichen Wollenstoff ein Ding dessen Schnitt er wahrscheinlich selbst erfunden hatte, halb Joppe, halb Beduine, weiß, und mit rother Seide gesteppt. Ein hübscher, lebhafter, intelligenter Mann, ganz Bretone. Das Hauptinteresse drehte sich natürlich um den Coëtlogon von la Hogue.
  • a. die Kanone mit Muschelkies. Inschrift siehe hinten.
  • b. Verschiedne Portraits des alten Coëtlogon.
  • c. Ein Kamin mit Spiegel drüber und dieser Spiegel von etwa 12 Bildern eingerahmt, Copieen nach Bildern in Versailles
    et cetera
    etc
    , die Schlachten darstellend in denen Coëtlogon mitwirkte.
  • d. Die Vorliebe für Curiositätenkram bis zum Ridikülen; Grotten, kleine Fontainen, Wasserleitung, Sammlungen etc. Alles dies nachher bei Fléchel noch gesteigert.
In dem Ueberreste (nur ein Flügel) des 1793 zerstörten Liancourt-Schlosses wohnt der Duc Larochefoucauld; in einem andren kleinren Schlosse, das leer stand, hatten sich 1 Hauptmann, 1 Adjutant, ein Divisionsprediger einlogirt und mit ihnen Emil, Benedek, Karlchen, Pinsel und Boxer, zwei Menschen und drei Hunde. Die beiden ersten aus der großen „Karl-Lehmann-Familie“ dieses Krieges; die 3 andern brillante Köter. Boxer eine Art Rappo, ganz Held, ganz Kraft, Pinsel wie schon sein Name andeutet mehr von der gefühlvollen Sorte. Nun Boxers Thaten mit dem Klotz und Pinsels Wachen bei der Leiche.

Sonntag d.
dendender
16. April
.

Fahrt mit George nach dem Schlosse Mouchy, im Besitz des Duc de Mouchy, der die Prinzessin Anna Murat geheirathet hat. – Frühstück mit den Offizieren. Abschied. – Um 4 Uhr 15 über Creil nach St Denis; im Coupé Oberst v. Massow und 3 Offiziere vom 1. Regiment. Ankunft in St Denis 6 Uhr. Regenbogen. Kanonade. Kein Unterkommen. La Concierge. Diner im Hotel de grand cerf. Ins Offizier-Café. Herr v. Sydow; Herr v. Ledebur.

Montag d.
dendender
17. April
.

Café. Einige Zeilen an Emilie. Zu Herrn v. Sydow. Verabredung auf 2 Uhr, um in die Forts zu gehn. Wachtparade vor dem Hotel de grand cerf; die Gardefüsiliere spielen. Dann Frühstück in grand cerf. An der einen Tafel alle Stabsoffiziere vom 83. George begrüßt den Obersten Marschall v. Biberstein. Dieser sagt ihm: „seien Sie froh; Sie sind fast alle todt.“ Dann zu Herrn v. Sydow. Besuch der beiden Forts (ihre Beschreibung siehe hinten). Dann nach Haus, um auszuruhen. Saint Denis ist ein Nest. Es hat 2 Hauptstraßen, die sich kreuzen; eine davon ist die Rue de Paris. Die Commandantur ist in der Rue de Boulangerie. Die Bevölkerung ist ruppig und hat ganz den Charakter der Pariser Arbeiter-Vorstädte. Von Reichthum und Elegance zeigt sich sehr wenig, die Straßen sind eng, schmutzig, das Pflaster schlecht, die Boulevards langweilig. Aller Zauber haftet an der Cathe drale. In dieser war ich heute Vormittag von 11 bis 1. Meine Notizen darüber siehe hinten. – Den Abend im Hôtel du Cerf mit dem Garnisonprediger Gerlach, Lieutenant v. Mirbach (Commandant der Stadt) Herrn v. Sydow, Herrn v. Bodelschwingh, Herrn v. Bärenklau, alle vom Gardefüsilir-Regimt verplaudert. Eine Parthie nach dem Mont Avron wird verabredet für morgen.

Dinstag d.
dendender
18. April

Um 9 Uhr Aufbruch in Prediger Gerlachs Wagen nach Mont Avron. Theil nehmen: Gerlach, v. Bodelschwingh, George, ich, ein Soldat. Der Weg geht über Stains, Dugny, Le Bourget, Drancy, Bondy Raincy, Villemonble auf den Mont- Avron und von diesem, an den Forts vorbei, über Courneuve
et cetera
etc
nach St. Denis zurück.

Die wichtigsten Punkte für die Beobachtung waren Stains. Hier wurde außer der Kirche vor allem das Schloß zerstört. Die Granaten faßten die Ecke und legten hier das Zimmer offen. Es war das Jagd- und Speise zimmer; als Fries in Basrelief ein Aufbruch zur Jagd und die verschiedenen Phasen der Jagd. Die Avenue zum Schloß ist niedergelegt; die Kübel der Orangerie wurden so gerückt, um sie als Deckung, wie Erdsäcke, gegen den Feind zu verwenden. Die Unsren saßen hier und wurden von Double Couronne und Fort de l’Est aus unter Feuer genommen; es lagen hier wohl alle Sorten, namentlich auch Gardefüsilire; man liest Schloßfreiheit, Bullenwinkel, etc. Wenige Lokalitäten sind so zerstört worden, wie dieses schloßartige Haus.
Le Bourget. An der von Soissons kommenden Bahn. Es hieß: zieht euch zurück. Das that man am 28. (ohngefähr) Oktober, und nun hieß es: wiedernehmen. Dies geschah am 30.
Oktober
Oktbr.
Großer Angriff der ganzen 1. Garde-Division. Man hatte es nun wieder. Besetzte es aber wieder nur relativ schwach, und am 21. Dezember erfolgte nun der zweite Angriff der Franzosen. Sie griffen auf der großen Pariser-Straße, die glaub ich auf Aubervilliers zu führt, an, unterstützten diesen Ansturm aber durch einen Flankenangriff auf den Kirch hof . Hier sieh nun hinten die Notizen über den Kirchhof und das schloßartige Häuschen mit dem hübschen kleinen Parkgarten.
Lageplan des Schlachtfelds; Le BourgetLeBourgetLe Bourget. Große Straße. Hauptangriff. b a Grund, in dem man heranschlich und den Kirchhof packte.
Rancy i ist entzückend. Es hat den Charakter wie Barnes oder Fulham oder Hampstead oder Highgate; nur alles weißes Gestein, sonst alles Parkgarten mit allmöglichen Gittern, Bäumen, shrubberies, weiß und roth Dorn. Sehr lieblich, sehr ansprechend.
Mont Avron. Rancyi geht in Villemonble über. Hier steigt man aus und ersteigt den Mont Avron. Er hat oben eine ganz leidliche Ausdehnung, vielleicht 1000 oder 1500 Schritt im Quadrat und die eine Hälfte davon, die den Sachsen etc. zulag, ist ganz und gar von einem tiefen Lauf- oder Schützengraben umzogen, der vor den Geschütz-Emplacements hinläuft.

Dieser Mont Avron zerfällt in 2 Hälften, in ein bois d’Avron und ein Plateau d’ Avron. Das bois liegt nach Osten, das plateau nach Westen zu. Das Ganze war mit Bäumen bestanden; das Plateau aber mehr mit x---ubartigen Baumlinien oder Baumgruppen, in denen Häuser lagen, das bois war mehr Gestrüpp, namentlich viel Brombeer und ähnliches, aus dem, wie aus einem Gestrüpp-Wald, eine Anzahl Bäume aufwuchsen. Dies war die wilde Hälfte, die andre Hälfte die cultivirte. Zwischen den beiden Hälften die Ueberreste eines campo.
Die wilde Hälfte lag den Sachsen etc. zu und gegen diese richtete sich das große erste Bombardement am 27. Dezember, das so furchtbar wirkte (sie die Franzosen sollen 2000 verloren und bestattet haben) und zum Aufgeben der Position führte. Nun erschienen die Sachsen oben, rückten in die Front, also nach Westen zu, und etablirten ihre Geschütze (als es überhaupt geschah) auf der cultivirten Hälfte, d. h. also auf dem Plateau von Avron.

Dies Plateau ist nun durch eine große Mulde von einem nach Westen hin gegenüber gelegenen Plateau getrennt, das man mitunter in Bausch und Bogen als das Plateau von Romainville bezeichnet. Dasselbe bildet einen Hauptpunkt der Pariser Befestigung nach Osten zu. Drei Forts liegen gerade gegenüber und das Fort von Romainville rechtwinklig um die Ecke. Also so
Umgebungsplan; RomainvilleRomainvilleRomainville. Fort Romainville Dorf Romainville Rosny Noisy le Sec. Nogent Mont Avron Aubervilliers


Auf unsrem Rückwege passirten wir erst die Klinse, bogen dann links um und hatten Romainville zur Linken, hatten bald Pantin dicht vor uns und fuhren über Courtneuve und dann an Fort de l’Est vorbei, auf St Denis zurück.

Die Geschichte wie v. Bodelschwingh in ein Dorf, ich glaube Bourget, im September einrückt und nur Katzen durch die Oede huschen.

Am Abend um 8 in die Cathedrale; General v. Medem, v. Mirbach, v. Bodelschwingh; der Orgelspieler, das Quartett der Gardefüsilire,, alles in der Kapelle, wo Napoleon I. und Josephine getraut wurden. Dann Beleuchtung des Schiffs der Kathedrale mit wenigen Lichtern; an den Grabmälern vorbei, wieder ins Freie.

Um 10 ins Café de l’Industrie. Willi Beutner getroffen; mit
Hauptmann
Hptm:
v. Witzleben
von den Gardefüsiliren geplaudert. Herr v. Sydow confiscirt den Kram eines Karrikaturen und Pasquillen-händlers, zerreißt es, wirft es über das Billard weg in die aghast dastehende Franzosen-Gesellschaft hinein, läßt den Kerl arretiren und verschwindet wieder. Alles in der Ordnung und doch furchtbar. Wie die gesammte Haltung. Es mag nöthig sein, aber der Sieger tritt mir zu scharf hervor.

Mittwoch d.
dendender
19. April
.

Um 10 Fahrt nordwärts und zwar in nachstehender Reihenfolge: Villetanneuse, das vielgenannte, bleibt gleich links neben Pierrefitte liegen.

In Front von Pierrefitte hatte George öfters auf Vorposten gelegen.
Montmagny nicht von Belang.

In Deuil das Haus und Zimmer besucht, drin George mit seinem alten Pott gehaust hatte. Arme Leute mit sehr dreckigen Kindern wohnten unten, oben lagen Leute vom 3. Garde Regiment. Auf dem Kamin stand noch eine Schachtel Zahnpulver, die er hier hatte stehn lassen.
Montmorency, das alte, ist lange nicht so schön wie sein Name; eine winklige, auf und niedersteigende, an den Abhang geklebte Bergstadt. Der Markt, mit seine r Fleischerhalle, sehr alt, sehr schmutzig, sehr häßlich, dann finden sich an den Ausläufern wieder reizende Punkte, so die Eremitage des Jean Jacques Rousseau. Es soll an 5 oder 6 in M. geben, die es alle sein wollen; von dieser wurde mir versichert, es sei die ächte, nur die eignen Bewohner bestritten es. Diese Eremitage liegt reizend. Die vorüberführende Straße ist nur ein Pfad, alles Schöne liegt nach hinten hinaus; man blickt in einen großen aus ziemlich bedeutenden Hebungen und Senkungen bestehenden Garten, voll der schönsten Bäume, Blumen und Rasenplätze. In dem Gartenhause selbst nimmt man zwei, drei, nach dem Garten zu gelegene Zimmer wahr, die „leicht übergeplündert“ sind. Roccoco-Möbel, noch leidlich gut erhalten, nur dann und wann ein großblumiger Ueberzug, der daneben liegt. Das Ganze gehört jetzt einem Kuriositätenkrämer, der hier „Gothik“ treibt. So wie irgendwo alte Kapellen u. Dorfkirchen abgerissen werden, ganz oder theilweis, ist er da und kauft die Dinge en gros, Apostel, Propheten, Heilige, Crucifixe, mullions, Rosetten, gothische Fenster, auch wohl einen Strebepfeiler und läßt alles hier her schaffen. Hier wird es nun an die hohe Gartenmauer geklebt wie eine Art Reliefbild und läuft nun in langer Linie an dieser hin. Hier und dort schleicht sich ein bischen Alhambra oder auch Roccoco ein, aber nur sehr wenig, die Gothik behauptet das Feld. Eine Art mittelalterliches Museum, im Freien aufgestellt. Es berührt eigentlich unangenehm, langweilig.

Bei M muß man alt und neu unterscheiden. Mehr aufwärts, auf der letzten Terrasse, (bis zu welcher Terrasseauch die Eisenbahn in der Serpentine aufklettert) erhebt sich Neu-Montmorency, eine kleine, erst werdende Park-Stadt. Durch den Park ziehen sich wenige dünnbesetzte Straßenlinien, lauter große Mieths-Sommerhäuser; hinter dieser Terrasse hat, erhebt sich der Berg noch einmal, gleichsam als Rückenlehne für diese Parkstadt, und die höchste Kuppe trägt wieder einige in einem gewissen Castell-Styl gebaute Häuser. In Front dieser Häuser hat man eine der schönsten Aussichten auf Paris, zugleich auf das vorgelegene Terrain, dessen Dörfer während der Belagerung so viel genannt wurden und die man nun hier alle in ihrer Lage zu und untereinander deutlich erkennt.
Enghien hängt mit Montmorency fast zusammen; es hat, mit dem ihm unmittelbar zur Seite gelegenen St Gratien, in das nun wieder Enghien übergeht, einen ähnlichen Charakter wie Raincy, nur ist Raincy doch noch feiner, hübscher, vornehmer, lauschiger. Manche Parthieen erinnern in Enghien etc. lebhaft an die unmittelbare Umgebung von Potsdam. Sehr schön ist der schwefelhaltige See von Enghien, der so sauber gehalten wird, daß es überall heißt: Defense de baigner des chiens dans le lac. Einige Villen sind sehr hübsch, dennoch find ich vielfach eine Styl-Verlodderung, wo mir unsre Berliner Bauten aus der guten Zeit doch unendlich überlegen dazustehn scheinen.
In St Gratien fährt man an dem Lustschloß der Prinzessin Mathilde vorüber; dann geht es auf Sannois zu, bis an den Mühlenberg hinan. Hier steigt man aus und klettert aufwärts. Von diesem Windmühlenberge aus, hat man den schönsten Blick auf Paris, wenigstens so weit ihn die Nordhälfte gewähren kann.

Man steht hier so, daß alles zwischen zwei mächtigen Pfeilern, zwischen dem Montmartre und dem Mont Valerien daliegt, allerdings wie ein Meer. Die hunderttausend Häuser von Paris blitzten in der Sonne, in aller Deutlichkeit ragten links die Notre-Dame Kirche rechts der Arc de Triomphe auf, dazwischen das Pantheon und der Dom der Invaliden, letztrer mit seinem Gold in der Sonne blitzend. Dort die Avenue von Neuilly, das Bois de Boulogne, hier ein Viadukt über den Eisenbahnzug unhörbar hingleitet, alles ein Bild des Friedens, – da legt sich ein loses weißes Gewölk um die Ostfront des Valerien und gleich darauf rollt der dumpfe Ton durch die Luft zu uns herüber.

Es ist Observationspunkt. Wir selber sahen keine Truppenbewegungen, aber die Militairs, die hier stationirt sind, erzählten, man sehe ganz deutlich die Colonnen beider Parteien, die jetzt auf der Halbinsel in Kampf lägen. Es handele sich jetzt um Asnières; zur Hälfte hätten es die Versailler genommen, die andre Hälfte sei noch in Händen der Rothen. Die Versailler seien ersichtlich bemüht Gennevilliers zu gewinnen, um dann von Norden her, den Feind zwischen zwei Feuer zu schossen ist (31er u. 71er) ging es zurück nehmen.

Wir plauderten noch; da senkte sich drüben der graue Himmel und von Süden herangetrieben fiel der Regen auf Paris und löschte strichweise die weiße Häusermasse aus; jetzt war er auch der Invalidendom verschwunden und im Nu fast standen wir selbst wie unter einem Wolkenbruch. Alles floh in das Gasthaus hinein; mehr wie 50 in einer Stube. Unser Führer bestellte einen „Knickebein“, ein Bein das mir bis dahin noch nicht gestellt worden war. Cognac, Anisette und ein Eigelb, – es schmeckte gut, verbrannte mir aber den Hals. Meine Schleimhäute sind noch nicht ganz auf dem Campagnefuß. – Ueber Epinai, das von Kleingewehrfeuer zer- Alle Pappeln sind niedergeschlagen und liegen in langen Stücken x---x zwischen den Gräbern; die eine Hälfte ist ganz zerbrochen und zerstört in allem Holz und Gestein, die andre Hälfte etwas besser erhalten.

Bugsbau vom Kirchhofe von Le Bourget; Lorbeer aus dem Garten der Eremitage von Rousseau in Montmorency.
Lageplan des Schlachtfelds; Le BourgetLeBourgetLe Bourget. Der Grund drin sie ’ranschleichen. eingeschlagnes Loch. Brixen fällt.

Ueberall Schießscharten nach allen 3 Seiten hin; an ein paar Stellen oben niedergerissen, wo der Feind drüber weg kletterte. Alles Quadr. priez pour elle.

Ein Quaderstein liegt an dem Kirchhofsloch, wo das X---x Bataillon durchbrach, halb zerschlagen aber man liest noch „Ici repose ma femme Felicitè Lèpine . Elle faît bonne eponse et bonne mère. Elle est regretté e de son mari, de toute sa famille et de tous ses amis. Passants
Le Bourget
Lageplan des Schlachtfelds; Le BourgetLeBourgetLe Bourget. a D b E c Dorfstraße Herrenhaus mit Windhose
Der Angriff erfolgte wahrscheinlich von dem Felde her gegen Mauer und Gitter.
  • a. b. c. Mauer mit Schießscharten.
  • D. E. Eisengitter
Le Bourget.
Grabmal; FriedhofFriedhofLe BourgetGrabmal auf dem Kirchhof von Le Bourget. a b c

Mortui pro patria requiescant in pace.
  • c. v. Brixen Portepé Fähnrich 1. C. Baron. Gefreiter 2. C. Hirsch.
    Unter Offizier
    U. O.
    2. C. 3. Gard. Gr. Regiments Königin Elisabeth. Epheu um das ganze Quader Gestein.
  • Umgebungsplan; Le BourgetLeBourgetLe Bourget. Aubervilliers Le Bourget Bobigny Romainville Rosny Mont Avron Bondy

    aus, der St Denis und diese beiden Forts so hart betraf, habe den Ausschlag in Paris gegeben, namentlich als nun auch die Granaten in die Nordvorstädte von Paris fielen.
    La Briche in seinem Innern zu beschreiben verlohnt sich nicht: eine äußre Umwallung, dann der hohe Cavalier mit vielem Geschütz und vielen Traversen; in den Traversen die Gewölbe für die Mannschaften. Das Erdwerk alles aus Sandsäcken zu vielen Tausenden aufgeführt. In der Mitte einzelne Baulichkeiten, namentlich die Kaserne, die nun halb in Trümmern liegt. Herr v. Sydow meint, das Feuer vom Norden Das Fort Double-Couronne sitzt wie eine Kappe auf der Nordseite der Stadt. Es ist nicht viel was andres als eine im Bogen ausgeführte etwas complicirte X---x mit drei hindurchführenden Straßen. Ihre Festigkeit in der Front besteht in einer tiefen bassin- oder teichartigen Wassermasse, die jede Sturm- Annäherung auch nach dem Breschenschießen unmöglich macht. Außerdem wird der Anstürmende von La Briche aus beschossen.
    La Briche ist klein, aber sehr fest, und das den großen Kern bildende „hohe Cavalier“ hoch genug, um die ganze Landschaft zu übersehn, nach Norden hin bis Mont, nach Westen hin nach Epinai, Argenteuil, Asnieres und bis zum kostbaren, Ehrenbreitenstein-artigen Mont -, nach Süden hin die Stadt, nach Osten hin (wo die Aussicht begrenztist) nicht viel weiter als bis Stains und dem was drum rum liegt.
    Umgebungsplan; Fort de la BricheFortdelaBricheSaint Denis, St. DenisFort de la Briche in Saint Denis. Epinai La Briche Villetaneuse Pierrefitte Stains Fort de l’Est noch mehr südlich
    durch aus aus ihrer eignen Königskirche hinausgeworfen. Freilich verdienen sie es kaum anders; angeklext an diese Kirche hatten sie wiederum afficheartig mit schwarzer Oelfarbe geschrieben: l’egalité, liberté, fraternité. Sie stehen eben feindlich zu ihren eignen historischen Ueberlieferungen und sind dann doch wieder stolz darauf. Alles X---x, Widerspruch, eine gott geschlagene Nation. Dagobert all der
    französischen
    franz:
    Königs und Königinnen tragen, die hier in St Denis beigesetzt wurden und deren kümmerliche gerettete Ascheüberreste nun hier gemeinschaftlich in einem Sarge ruhn.

    Drei
    französische
    franz.
    Frauen hatten sich uns zugesellt. Der
    Unter Offizier
    U. O.
    sagte uns: drei ginge nicht; an dieser Stelle dürften nur deutsche erscheinen; ich möchte es den Frauen sagen. Mit einer gewissen Scham that ich es sehr schonend. Die Franzosen wurden Ueberreste selbst sammelte man später wieder indem man die Kute öffnete, nahm den erdigen Staub heraus und that ihn in einen Sarg, gab diesem eine Bleihülle und setzte das Ganze in eine Wandschrankartige Maueröffnung, in die man durch eine schmale Klinse eintritt. Hier steht der Sarg und an den beiden Seiten sind Tafeln von schwarzem Marmor die die Namen seit Kasten enthält die Ueberbleibsel der Marie Antoinette. (Ihre Statue steht oben in einem der Seitenschiffe.) Nicht weit entfernt von dieser Stelle ist die sogenannte Bußkapelle. Dies ist die Stelle, wo der mob die Kirche vom Chor aus erbrach, die Gräber der Könige massenhaft auf die Straße warf und ihre Ueberreste in eine Kute warf. Daher wurde hier die Bußkapelle gebaut. Die läufig in den Keller gestellt,“ sagte der Unteroffizier vom 4. Garde-Regiment. Eine andre drückte wohl die Weisheit, die Fruchtbarkeit (mit dem Storch) etc. aus. Links neben diesen Statuen ist eine mannsbreite, vergitterte Thüröffnung. Durch diese hindurch sieht man bei Lichtbeleuchtung ein halbes Dutzend Särge stehn. Alle seit 1293. Der erste gleich links, ein kofferartiger

    Das Interessanteste ist die Gruft. Hier steht in der auf kurzen Säulen wohl der romanischen Periode ruhenden Crypt alles mögliche durcheinander: Büsten und Statuen des letzten Bourbons von Ludwig XIII bis auf Ludwig XVI; dazwischen allerhand andre große in Marmor ausgeführte Bildwerke von allegorischem Charakter. Eins davon stellt die „Stärke Frankreichs“ dar. „Man hat sie hier vorDionysius heiligen. Wir haben da 1.) rechts neben dem Altar ein großes altes höchst merkwürdiges Hautrelief-Werk in Marmor, wie ein Altarschrein gebildet 2.) Die Glasfenster im Chor die ganze Geschichte des heiligen Dionysius darstellend.

    Dann kommen als besonders intressant in den Seiten- Schiffen der Kirche die Denkmäler von Louis XII, Franz I, die Säule von Franz II (Gemahl Maria Stuarts), auch wohl von Heinrich II.
    3. in der Kapelle hinter dem hohen Chor, ganz altes muthmaßlich Sandstein Hautrelief, die Enthauptung etc. des St X---x darstellend.

    St Denis Cathedrale Hauptsachen

    .

    Der Königsaltar. Napoleon wurde dort mit Marie Luise vermählt. Er wollte auch zu Füßen desselben begraben sein, ebenso Napoleon III.

    Als Begräbnißstätte fängt es an mit Dagobert und läuft bis auf Louis XVI. oder vielleicht XVIII. Die Orleons stehen in Dreux.

    Ein Hauptinteresse dreht sich um den Selancy bei der Mühle ohne Flügel.

    Auslagen

    Billets bis Creil
    Franken
    fr:
    — 2.25.

    A Soeur Regis.

    (Fléchel)
    25 Jahre Religieuse in allen Weltgegenden Ile Bourbon, Cap der guten Hoffnung, St Helena, Canarische Inseln, Teneriffa, Rio Janeiro, Monte Video, Cap Horn, Conception, Valparaiso, Taitaou, Taiti, Neu-Caledonien. 12 Fuß hohe Sandstein Säule mit Epheu.
    Pechè sur le lieu au font livrée la bataille de la Hague ce canon rappelle ici le glorieux fait d’Armes par le quel le Marcitel de Coëtlogon sou va Tourville
    Dans cette Memorable Journée.
    François Alex: Freder: Duc de la RouchefoucauldLiancourt Pain de France né 1747 mort 1827 Il faut aider tout ce qui est utile Il faut attacher son nom à tout ce qui cet bon. errichtet 1861 Devise „c’est mon plaisir“.

    25 im Briefcouvert. 200 in zwei notes im obersten Kasten rechts. 34 in drei gold-coins im Bücherschrank.
    An Emilie. Die Zettel conserviren unter dem rothen Bogen. Zu Niemand über die Red: Socialisten sprechen.
    In Straßburg.
    Hören Sie, ich glob Sie
    der ganze Krieg war nich
    nöthig.


    Nich nöthig?
    Hören Se, globen Se mir,
    es liegt diefer. Was
    kennt die Politik so
    genau.

    Bataillon Marsch.
    Das ist ja gar kein
    Exerciren nich.

    Kein Vordermann, nichts. Lohmeier mehr rechts.

    Ein leises Wölkchen steigt
    auf zur Sonne.
    Ein Knall rollt herüber
    von Double Couronne,
    Ein eiserner Bart von La Barage, –
    DerVorbeigeschossen! Blamage, Blamage Jäger denkt: ei  . . . . . .
    so etwa stand es in Pierrefitte oder Montmorency.

    Alles ist beschrieben: Schloßfreiheit, Augusta-Straße, Bullenwinkel, Reetzen Gasse, Laura, Du der  . . . Finke. Dazu Bilder, Portraits, Carrikaturen, gute, schlechte, alles fort mitgenommen.
    Fr. WolffhardtBuchbindermeisterPapierhandlungLeipziger Str. 106